Leseprobe aus

 

 

"Späte Schatten":

 

Geleitwort des Mannheimer Oberbürgermeisters

 

Walter Landin holt in seinen historischen Kriminalromanen seine Leserschaft in der Gegenwart ab und nimmt sie mit auf Reisen in die Vergangenheit unserer Stadt und der Rhein-Neckar-Region. Bereits mehrfach führte diese Reise in die Zeit des Nationalsozialismus, wobei der Autor reale Ereignisse des dunkelsten Kapitels unserer Geschichte aufgreift, in seine fiktive Erzählung einbaut und ins öffentliche Bewusstsein ruft.

So auch im vorliegenden Fall, in dem Walter Landins Protagonist Kommissar Lauer auf eine Gruppe fanatischer Nationalsozialisten in Mannheim-Sandhofen stößt, die 1944/45 den Stadtteil mit Terror und Gewalt überzogen. Das »Sandhofer Schlägerkommando«, wie Zeitzeugen die Gruppe um den damaligen NSDAP-Ortsgruppenleiter nannten, machte es sich zur Aufgabe, die nationalsozialistische Ordnung in Sandhofen aufrecht zu erhalten. Es misshandelte ausländische Zwangsarbeiter, bedrohte und tyrannisierte Einwohner, die sich bei Bombenalarm nicht zügig in die Luftschutzkeller und Bunker begaben und verprügelte Sandhofer Frauen, die sich – vermeintlich – mit Ausländern abgegeben hatten, mit Stöcken und Peitschen. Die selbst ernannten Ordnungshüter nahmen sich offenbar die Brutalität der SS-Wachmannschaft des KZ-Außenlagers in der Kriegerstraße zum Vorbild, als sie den Stadtteil in Angst und Schrecken versetzten.

Walter Landin hat die Geschichte des KZ Sandhofen ebenso wie des Sandhofer Schlägerkommandos bereits im Jahr 2001 in Form des Theaterstücks »Von Hurenmenschen, Polacken, Volksgenossen« behandelt, das im Rahmen der städtischen Gedenkveranstaltung am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in Mannheim uraufgeführt wurde. In Person des fiktiven Kommissars Lauer nimmt er das Thema nun wieder auf – und trägt damit dazu bei, die reale Geschichte des »Schlägerkommandos« nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen, spielten Kunst und Literatur von je her eine bedeutende Rolle. In den Werken von Walter Landin kommt ein weiterer bedeutender Aspekt hinzu: Der lokale Bezug seiner Romane. »Späte Schatten« führt uns vor Augen, dass sich der Nazi-Terror auch vor der eigenen Haustüre ereignete – und dass sich die Frage nach Täterschaft, Beteiligung und Duldung der Unmenschlichkeit stets auch im lokalen Kontext stellt. Der Roman regt – nicht zuletzt durch seine Verknüpfung von Fiktion und Realität – zum Nachdenken an. Und damit leistet er einen für Kriminalromane außergewöhnlichen Beitrag zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit sowie zur (lokalen) Erinnerungskultur.

Dr. Peter Kurz

 

Samstag, 1. September 1984

1

 

Die Gartentür ist angelehnt. Mir fällt auf, dass die Wand unter dem doppelflügeligen Fenster vorne zur Straße hin frisch gestrichen ist. Ein Grauton, der heller ist als der alte Anstrich. Haben wohl eine Schmiererei überpinselt. Wundert mich nicht. Bei dem. Ich drücke die Tür auf. Im Vorgarten ist ein ausgehobenes Loch, groß genug für den Strauch im Pflanzcontainer, der neben dem Weg steht. Haselnuss, mutmaße ich. Aber ich bin nicht sicher. Ich gehe die wenigen Meter bis zur Haustür, der Spaten und die Spitzhacke springen mir ins Auge, die Werkzeuge, die neben der Tür unter dem Vordach lehnen, beide lehmverschmiert. Damit haben sie das Pflanzloch ausgehoben, denke ich. Wenn er nicht pariert ... geht es mir durch den Kopf und ich drücke auf die Klingel. Nichts passiert. Ich drücke ein zweites Mal auf die Klingel, dieses Mal energischer, fordernder. Drinnen ein Poltern, dann wird die Tür aufgerissen. Er steht vor mir, auf den Plakaten wirkt er größer und jünger. Fragend sieht er mich an.

»Und? Haben Sie es besorgt?«, frage ich schließlich.

Mein Gegenüber entspannt sich.

»Ach, du bist das. Hab ich dir nicht deutlich ...«

Wut steigt in mir auf, ich fühle mich nicht ernst genommen. In meinem Kopf hämmert es.

»Her mit dem Geld! Los!« Ich drücke meine Hände gegen die Schläfen.

Der Typ in der Wohnungstür lacht. Arrogant, finde ich.

»Hier gibt es für dich nichts zu holen. Das hab ich dir schon am Telefon gesagt. Mach, dass du wegkommst!«

»Wenn ich an die Öffentlichkeit ...«

»Was ist dann? Nichts ist dann. Du kannst an die Öffentlichkeit gehen. Los doch! Ich hab nichts zu verbergen. Für deinen Schmutz interessiert sich eh niemand. Das ist lange vorbei. Mach dich fort!«

»Schließlich ist gerade ...«, ich zögere, habe Angst mich zu verhaspeln, zu stottern. Ich fange immer an zu stottern, wenn ich mich aufrege. »... Wahlkampf«, bringe ich heraus.

»Bei mir gibt es nichts zu holen, keinen einzigen Pfennig, kapier das endlich. Und jetzt Ende der Diskussion, ich muss los.«

Er dreht sich um, macht die zwei Schritte bis zur Garderobe und greift nach einer hellen Windjacke.

Ich kann es nicht fassen. Der lässt mich stehen wie einen Schuljungen. Respektiert mich nicht. Dabei habe ich ihm klipp und klar erklärt, was Sache ist. Nicht mit mir. Die Spitzhacke an der Wand. Ich mache damit einen Schritt ins Haus. Die Kopfschmerzen wie weggeblasen. Ich lege meine ganze Kraft in den Schlag. Die scharfe Spitze der Hacke dringt ganz leicht in den Schädel ein. Das Geräusch! Ohne einen Laut von sich zu geben, sackt der Mann in sich zusammen, kippt gegen den Garderobenspiegel und gleitet wie in Zeitlupe zu Boden. Eine rosafarbene Masse klebt am Spiegel und rutscht langsam nach unten. Sieht aus wie das Kalbsbries, das sich meine Urgroßmutter jeden Freitag zubereitet hat und von dem ich als kleiner Junge habe probieren dürfen. Damals war das ein Leckerbissen für mich. Sah aus wie Rührei. Keinen einzigen Bissen könnte ich mehr davon runterkriegen. Ich hole wieder aus, schlage ein zweites Mal zu, jetzt mit der stumpfen Seite der Hacke. Dann lasse ich die Hacke fallen, trete dem reglos vor mir liegenden Mann in den Magen. Nicht mit mir! In den Unterleib. Der gibt keinen Laut mehr von sich. Der ist hin! Ich lasse mich nicht lächerlich machen. Von niemandem. Ich beuge mich hinunter zu dem Mann. Ja, jetzt endlich hat er kapiert.

»Das hast du jetzt davon. Über mich macht man sich nicht lustig.«

 

Ich bin schon dabei, das Haus zu verlassen, als ich es mir anders überlege. Ich gehe in den Flur zurück, ziehe die erstbeste Tür auf, es ist die Küche, reiße Schubladen heraus, werfe Töpfe auf den Boden. Im Esszimmer durchwühle ich die Kommode, kippe die Besteckschubladen aus. Im Zeitungsständer entdecke ich eine Plastiktüte. Ich stopfe Messer, Gabeln, Löffel in die Tüte, das gute Silberbesteck für sonntags. Dann werfe ich die Kristallgläser zu Boden, einige zersplittern, andere überstehen den Sturz. Ich ziehe mein Taschenmesser aus der Hose, zerfetze die Polster des Sofas und der Sessel. Auf einem Beistelltisch ist eine Kamera, die neu und wertvoll aussieht. Vielleicht kann ich sie zu Geld machen. Oder ich nehme sie für mich. Besser als meine auf jeden Fall. Und bestimmt teurer. Also auch in die Plastiktüte. Ich drehe mich noch einmal um, sehe die Verwüstung und bin zufrieden. Ich renne die Treppe hoch, schaue ins Schlafzimmer, breites französisches Ehebett. Hier hat der Typ mit seiner Alten gepennt. Runter mit dem Bettzeug, Kopfkissen in die Ecke, die Matratzen aufschlitzen, sie aus dem Bett reißen. Auf dem linken Nachttisch ein Schmuckkästchen, Ringe, Ketten, Armbänder, auch welche aus Gold. Greife mir alles, auch in die Plastiktüte. Im Bad Badetücher herunterzerren, Klopapier entrollen. Dann knicke ich den Handtuchhalter ab und zerschlage mit ihm den Spiegelschrank. Es splittert. Ein Glasstückchen trifft mich an der Backe. Unten stoße ich den Garderobenständer noch um, trete darauf, Holz splittert. Ich schaue mich im Flur um, sehe das Chaos, das ich angerichtet habe, und bin zufrieden. Ich greife nach der Hacke, hebe sie von Fußboden auf und stelle sie an die Hauswand neben den Spaten. Ich lasse die Haustür auf und stelle mich unter das Vordach. Die Straße ist menschenleer und kein neugieriger Nachbar liegt im Fenster. Ich schlendere betont langsam zu meinem Moped zurück, das ich zwei Seitenstraßen weiter abgestellt habe. Die Plastiktüte schlägt an meinen Oberschenkel, das Besteck klappert. Als ich das Moped starte, fallen die ersten Regentropfen. Viertel nach zwei. Ich muss mich nicht beeilen. Gut, dass ich die Blumen schon heute Morgen gekauft habe.

 

Zu Hause werde ich mir im Radio die Spiele vom DFB-Pokal anhören. Erste Hauptrunde. Dabei werde ich den Vergaser auseinanderschrauben und gründlich sauber machen. Es wird ein entspannter Nachmittag werden. Waldhof hat gestern Abend vier zu eins gegen Duisburg gewonnen. Gut, gegen einen Amateur-Verein ist der Sieg eines Bundesligisten Pflicht, aber egal, Sieg ist Sieg. Wie viele Spitzenmannschaften haben sich schon gegen Amateurvereine blamiert bis auf die Knochen? Und dann sind da ja noch die Todfeinde. Haben mit Leverkusen ein schweres Los gezogen. Wenn die einen auf die Kappe bekämen, das wäre ein Grund zum Feiern. Morgen werde ich Vater besuchen. Das bin ich ihm schuldig.

 

 

 

2

 

»Sweet dreams are made of this ...«

Er nahm eine Bewegung wahr. Erst wollte er sie ignorieren. Dann schaute er doch hoch, sah die junge Frau, die vor ihm gestikulierte, mit ihren Zeigefingern auf ihre Ohren deutete und das Gesicht verzog. Leo Lauer drückte die Pausentaste seines Sony-Walkmans, Annie Lennox konnte das »I« der Textzeile »who am I« nicht mehr loswerden. Lauer zog die Stöpsel aus seinen Ohren und schaltete den Staubsauger aus.

»Was gibt es, Astrid?«, fragte er betont ruhig und mit einem verständnisvollen Unterton. Seine Freundin holte Luft. Sie schien sauer.

»Seit Minuten rede ich mit dir, bis ich merke, dass du mir nicht zuhörst, dass du die Kopfhörer aufhast.«

»Astrid, du weißt, wie ich staubsaugen hasse. Mit den Eurythmics im Ohr ist es gerade noch zu ertragen.«

»Dazu fällt mir nichts ein.«

Lauer machte einen Schritt auf seine Freundin zu und streckte die Arme aus.

»Jetzt komm schon.«

Sie hob zuerst abwehrend die Hände, ließ sie dann sinken und legte ihren Kopf an seine Schulter.

»Tut mir leid. Was wolltest du mir sagen? Dass du mich liebst? Dass du ohne mich nicht leben kannst?«

 

 

 (Copyright: Leinpfad Verlag, Ingelheim)

 

 

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